Editorial für neue Bestattungskultur

›Endlich‹ will einer jungen Zielgruppe auf Augenhöhe begegnen, sie durch gute Gestaltung und eine zeitgemäße Ansprache mit den neuen und individuellen Möglichkeiten der Bestattungsbranche konfrontieren und so das angestaubte Bild der Bestattungskultur in unseren Köpfen aufbrechen.

›Endlich‹ bietet Raum für Projekte, Produkte und Menschen, die auf dem Gebiet der Bestattungskultur agieren und will dadurch anregen, neue Ansätze und Ideen zu entwickeln und zuzulassen.

Situation

Trauer und Bestattung sind Themen, mit denen wir uns meist erst auseinandersetzen, wenn sie akut werden. Im Todesfall kommen jedoch neben dem Verlust und der Trauer so viele Fragen und Aufgaben auf die Hinterbliebenen zu, dass sie meist überfordert sind. Zusätzlich bleibt oft nicht die nötige Zeit, um sich intensiv damit zu beschäftigen, wie man den letzten Dienst für einen Angehörigen gestalten möchte. Neben der Trauerfeier sind auch Bestattungsart und die Form des Gedenkens wichtige Aspekte.

Deshalb nehmen wir an diesem Punkt die Dienstleistung eines Bestatters in Anspruch. Das blinde Vertrauen in einen auf Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Dienstleister und die nicht zu vernachlässigenden Ansprüche an Trauer und Gedenken können jedoch in Konflikt geraten. Kaum eine andere Dienstleistung würden wir in Anspruch nehmen, ohne Alternativen, Angebote oder Preise zu vergleichen. Doch genauso selten stehen wir unter einem so hohen emotionalen und zeitlichen Druck. Es scheint schwierig, sich unter den verschiedenen Bestattungsdienstleistern zu orientieren und an die gesellschaftliche Entwicklung angepasste und auf persönlichen ›Lifestyle‹ ausgerichtete Angebote zu finden.

Es dominieren 50er-Jahre-Schick, graue und erdige Farbwelten sowie christliche und esoterische Symbolik in einer von Apple, Ikea und H&M geprägten Welt. Fast jeder ist in Deutschland (und der westlichen Welt) heute fähig, sein Leben individuell zu gestalten. Beruf, Wohnort, Wohnraum, Kleidung, Hobbys, Zugehörigkeit zu Gemeinschaften und Lebensweisen sind (vermeintlich) frei wählbar. Auch für das Ende des Lebens sollte man diese Freiheiten nutzen.

Es stellt sich also die Frage: Gibt es an unseren Lebensstil angepasste Angebote im Bereich des Trauer- und Bestattungswesens und wie kann man diese der breiten Masse zugänglich machen?

Die Bestattungskultur ist wichtiger Bestandteil unserer Kulturgeschichte und viele Bräuche und Rituale finden darin ihren Ursprung. Durch die Veränderung sozialer und familiärer Strukturen werden Trauerfeiern, Beerdigungen und Grabmäler immer anonymer und scheinbar unwichtiger. Die Kosten werden oft nicht transparent dargestellt und Angehörigen fällt es schwer, einen Sinn in diesen Investitionen zu finden.

Sicherlich sind die Konzepte der Bestattungsbranche auch in ihrer aktuellen Zielgruppe begründet, die zumeist aus Alten, Kranken und deren Angehörigen besteht. Das Sterben von Babys und Kleinkindern, sowie Krankheits- oder Unfalltod werden weitgehend ignoriert oder als so vereinzelt dargestellt, dass ein Fokus auf eine jüngere Zielgruppe nicht relevant erscheint.

Doch genau hier sollte man ansetzen: Junge Menschen als Zielgruppe von Morgen — nicht nur als Sterbende oder Verstorbene, sondern vor allem als Hinterbliebene.

Selbstbild der Branche

›Vor ungefähr 20 Jahren war die Erdbestattung in einem Wahlgrab die dominante Bestattungsform. Zu einer Beerdigung sprach ein Pfarrer tröstende Worte und das Grab erhielt ein von einem Steinmetz gefertigtes Grabmal.
In den vergangenen Jahren haben die Bestattungskultur und der Umgang mit der Trauer erhebliche Veränderungen erfahren.‹
Bundesverband Deutscher Bestatter e.V. 1

›Schon eine im Mai 1998 vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführte Umfrage zum Thema ›Tod und Grabkultur‹ belegt, dass ein Viertel aller Deutschen ihre Grabstätte am liebsten ohne behördliche Einschränkungen selbst gestalten möchte; jeder Fünfte würde es vorziehen, auf seinem Privatgrundstück ein Grab anzulegen; ebenso viele wünschen sich, die Asche der Verstorbenen aus dem Krematorium mit nach Hause nehmen zu können.‹
Fritz Roth, Bestatter 2

›Uns Bestattern geht es natürlich in erster Linie darum, Traditionen zu wahren und den Verstorbenen Würde zu geben und Wertschätzung entgegenzubringen. Darin sind wir konservativ. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir immer nur zurückschauen. Modernität und individuell ausgearbeitete Konzepte für die Trauernden sind uns sehr wichtig.‹
Andreas Großkopf, Bestatter 3

›Die Branche ist sehr konservativ strukturiert. Die dort angebotenen Urnen spiegeln zu 99 Prozent den Geschmack des Bestatters wider. Wenn sich die Leute nicht selbst informieren, bekommen sie das, was der Bestatter vorrätig hat.‹
Volker Voesling, Urnenanbieter 4

Zielgruppe

Auch für junge Individualisten und Menschen mit hohem gestalterischen Anspruch wird der Tod irgendwann Thema:
Eine frühe Auseinandersetzung kann helfen, im Fall der Fälle genauere Vorstellungen zu haben und diese selbstbewusst zu kommunizieren.

Studentin

Die Studentin

… ist Mitte zwanzig und lebt in einer Großstadt. Neben dem Studium jobbt sie in einer Galerie, steht auf Street Food, Gin Tonic und ihr Smartphone. Ihre Klamotten kauft sie auch mal ›Second Hand‹ und ihr Zimmer in der Altbau–WG ist so richtig vintage.

Die Studentin ist individuell, offen für Neues und hat Lust mitzugestalten.

Architekt

Der Architekt

… hat ein eigenes Büro und lebt in einem Neubau mit viel Beton und Designermöbeln. Auf dem Weg vom Theater zur Ausstellungseröffnung macht er kurz Halt bei seinem kleinen Lieblingsitaliener.

Der Architekt informiert sich, weiß, was er will und ist auch bereit, dafür zu zahlen.

Gastronomin

Die Gastronomin

… lebt und arbeitet in der Stadt, genießt jedoch die Wochenenden mit der Familie im Freien. In ihrem Café legt sie viel Wert auf Nachhaltigkeit, regionale Erzeugnisse und ein saisonales Angebot.

Die Gastronomin will umweltbewusste Lösungen finden und weiterentwickeln.

Bestatter

Der Bestatter

… leitet sein Unternehmen seit einigen Jahren und steht immer mehr vor den Herausforderungen, die ein urbanes Umfeld bietet: Preisdumping, fortschreitende Digitalisierung sowie regionale, nationale und internationale Konkurrenz.

Der Bestatter ist offen für Neuerungen und will sein Angebot erweitern.

Beispielhaft für die breite Masse derer, die dem Thema offen gegenüberstehen, will ›Endlich‹ nicht nur die hier Beschriebenen ansprechen, sondern auch den Machern ein weiteres Angebot auf dem Gebiet der Bestattungskultur bieten — jungen, kreativen und individuellen Projekten, Produkten und Menschen eine Plattform sein und deren Vernetzung fördern.

Ansätze

Nur wer Angebote und Möglichkeiten kennt, kann diese auch in Anspruch nehmen und einfordern.

Websketch

Online Plattform

Immer wieder entwickeln Studenten der unterschiedlichsten Fachrichtungen in ihren Projekten Ansätze und Ideen für die Bestattungskultur der Zukunft. Orte, Objekte und neue Rituale enstehen, doch finden sie kaum einen Weg in die Branche. Genauso gibt es viele Angebote auf dem Gebiet der Bestattung, bei Friedwäldern angefangen, über die von Biologin Susanne Wiigh-Mäsak entwickelte Promession, bis hin zu wirklich ökologischen Särgen und Urnen, die dem ›Verbraucher‹ kaum bekannt sind.

Ein gestalterisch anspruchsvolles Medium als Mischung aus Projektplattform, Interviewmagazin und Online Store könnte helfen, verschiedene Zielgruppen zu erreichen, Neuerrungen aufzuzeigen und so eine Weiterentwicklung der Branche zu provozieren.

Pop-In-Shop

Pop-In-Shop

Nicht nur Sarg- und Urnenhersteller oder Steinmetze, sondern auch branchennahe Unternehmen wie Floristen oder Teile der Modebranche liefern immer wieder spannende neue und vor allem zeitgeistige Entwürfe für die Bestattungskultur. Es gibt jedoch nur wenige einfach zugängliche Präsentationsformate und der Bestatter wird einem nur das anbieten, was er selber kennt.

Ein Konzept, das verschiedene Produzenten und deren Produkte zusammenbringt, diese mit Zusatzinformationen zu aktuellen Möglichkeiten und Richtlinen der Bestattung ergänzt und so einen temporären Verkaufsraum und mögliche Bestattungsszenarien, auf einer bereits etablierten Fläche, bietet.

Ein Beispiel: Ökologische Urnen und wilde Trauerfloristik in einem Fashion Store für nachhaltige Kleidung, welche als Totenhemd geeignet wäre, unterstützt von einem nahen Bestattungsunternehmen.

Editorial Store

Editorial Store

Zwischen Concept Store und Ausstellungfläche einen Raum schaffen, der mit Informationen, Bildern und Produkten, in regelmäßigen Abständen monothematisch inszeniert wird. Ein Büro für beratende und ergänzende Dienstleistung im Bestattungswesen wäre denkbar.

Konferenz

Konferenz

Experten aus den verschiedensten Bereichen zusammenbringen und Formate für die Weiterentwicklung der Bestattungsbranche finden. Der Blickwinkel von jungen Gestaltern und kreative Techniken können neue Wege eröffnen.

Fazit

Klar ist: Die Bestattungsbranche muss sich mehr und mehr dem gesellschaftlichen Wandel anpassen und auf die individuellen Bedürfnisse einer heranwachsenden Zielgruppe eingehen.

Es gibt bereits viele verschiedene, an unseren Lebensstil angepasste Angebote, sowie immer wieder neue Ideen und junge Ansätze. ›Endlich‹ will eine weitere Möglichkeit auf diesem Gebiet darstellen.

Im Moment noch als Entwurf, kann das Projekt mit ein wenig Zeit, Geld und Unterstützung realisiert werden, sich weiterentwickeln und wachsen.

Falls Sie interessiert sind, selbst auf dem Gebiet arbeiten oder Anregungen haben, schreiben sie an: kontakt@peterkessel.com.

Endlich —
Editorial für neue Bestattungskultur

… ist der praktische Teil zur Bachelorarbeit mit dem Titel ›Der Tod — Aktuelle Strömungen im Trauer- und Bestattungswesen‹ von Peter Kessel. Das Projekt entstand im Wintersemester 14 / 15 im Fach Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.

Neben der Theoriearbeit und einem Fotoshooting mit Felix Grimm, enstanden in der Praxisphase eine kleine Ausstellung und diese Seite.

Gespräche, Geschichten und Erfahrungen von verschiedenen Menschen, sowie deren Feedback und Unterstützung, halfen die Idee ›Endlich‹ zu entwickeln. Besonderer Dank gilt Giesela Matthes, Prof. Katrin Hinz, Prof. Jürgen Huber, Schöneweide Kreativ, Karakulowa, Sebastian Murrer, Prof. Dr. Patrik C. Höring, Dada Peng, David Roth und allen Freunden.

Peter Kessel

… ist Jahrgang 89, in Bonn geboren und hat an der HTW Berlin Kommunikationsdesign studiert. Er kann erzählen, zusammenbringen und editieren. Dies zeigt er vor allem als Mitbegründer der Netzwerke sehen und ernten und Schöneweide Kreativ.

Mehr Informationen oder einfach Kontakt:

peterkessel.com
kontakt@peterkessel.com
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